ARF-Modellbau des Jahres 2015

Ventique von Lindinger: leicht, stark, bissig

Es ist eine Herausforderung, im hart umkämpften ARF-Markt ein neues Label vom Start weg erfolgreich zu platzieren und damit gegenüber den etablierten Marken herauszustechen. Der Ventique tut dies. Er ist leicht, stark, bissig – und etwas anders. Und wenn kein geringerer als Quique Somenzini, der Erfinder des 3D-Fliegens, dahinter steht, dürfen sich die 3D-Junkies schon mal die Hände reiben.

Aber auch sportlich orientierte Freizeitpiloten dürften ob des recht günstigen Preises ins Grübeln geraten. Gerade mal 329,90 Euro ruft die Lindinger-Preisliste für dieses neue Modell, das unter dem Label Premier Aircraft vertrieben wird, auf. Vor uns liegt also ein aufregender Test.

Ebenfalls nicht alltäglich ist bei einem Modell dieser Größe, dass alle Ruder über Stiftscharniere anzuschlagen sind, im Fall der riesigen Querruder hat das dankenswerter Weise der Hersteller schon übernommen, sie sind betriebsfertig montiert.

Im Fall von Höhen und Seitenruder war das nicht möglich, bleibt also dem Erbauer überlassen. Das ist auch gut so, weil die Höhenruderblätter über einen massiven, fertig gebogenen Metallverbinder und ein zentrales Servo angelenkt werden. Das spart Geld.

Was zu tun bleibt

ARF-Modellbau des Jahres 2015: alles schon dagewesen, jedenfalls fast. Wir notieren eine Rumpfform, die klar auf ihren Zweck zugeschnitten ist, durchaus aber auch ein Vorbild haben könnte, und hinten in einem hauchdünn profilierten Seitenleitwerk endet.

Ebenfalls profiliert präsentiert sich das sauber auf Sicht laminierte Carbon-Fahrwerk, bei dessen Montage aber plötzlich Material fehlt. Zwei zusätzliche U-Scheiben auf der Radachse und ein Stellring regeln das, sonst schleift das Rad an seinem Schuh.

Und beim Anlenken aller Ruder stellt sich heraus, dass sämtliche Anlenkgestänge zu kurz sind. Schwenkt man die Servos um 180 Grad, sind sie zu lang. Ein Verpackungsfehler? Am Testmodell sind M2,5-Gewindestangen nachgerüstet worden.

Genug gemeckert, denn alles andere passt famos und lässt den Bau, den man treffender als Montage bezeichnet, locker von der Hand gehen, auch, weil die Bauanleitung recht ausführlich und in Deutsch gehalten ist. Das gibt weitere Pluspunkte.

Erobern wir die Luft

Die gibt es auch für die wertige Verarbeitung, insbesondere auch für die verwendete Folie – die bis jetzt, trotz unterschiedlichster Temperaturen, keine einzige Falte geworfen hat.

Ebenfalls positiv: Der große Rumpfdeckel, vorne über zwei Laschen und hinten über einen Haubenverschluss sicher auf dem Rumpf gehalten, gestattet großzügigen Zugang zu den Innereien und einen Akkuwechsel in Sekundenschnelle.

Obendrein ist alles sehr leicht geraten, ohne dabei gleich wieder schwächlich zu wirken. Insbesondere die Flächenhälften sind auffallend leichtgewichtig, was 3D-Gelüsten, aber auch schlagartigem Stoppen in Snaps und „Trudlern“ entgegen kommt.

Lindingers BL-Außenläufer dreht die 17-x-8-Metts-Holzlatte glatt und sauber mit 7900 Umdrehungen, dabei fließen 63 A durch die Kupferlitzen. Diese Werte stechen im Quartettspiel, signalisieren schon vor dem ersten Abheben Power pur.

Der Gasknüppel bewegt sich langsam nach vorn, das Modell folgt dieser Bewegung nahezu synchron- und ist plötzlich wie von Geisterhand in der Luft. Sollte der Pilot da aus Gewohnheit ganz unbewusst doch etwas am Höhenruderknüppel gezogen haben?

Hat er nicht, weil sofort notiert werden muss: Schwerpunkt komm raus, du bist umzingelt. Mit dem im Moment „verkletteten“ 4000er-6-Zeller ist das Modell hoffnungslos schwanzlastig. Das ist wohl dem hinten eingebauten Seitenruderservo geschuldet, diese mit Metallgetriebe bewehrten Standards wiegen nun mal fast 60 Gramm.

Potenziellen Ventique-Interessenten sei daher empfohlen, besagtes Servo vorne einzubauen und über die dem Bausatz beiliegenden Litzen doppelseitig anzulenken.

Landen und Akku wechseln

Ein fetter 5000er kommt rein, so weit wie möglich nach vorne. Damit gibt sich Quiques Neuer unter ebenfalls neuem Label mit den kleinen Ruderausschlägen recht manierlich. Wo steht eigentlich mein Gasstick? – Unter Halbgas, damit ist der 3D-Künstler schon arg flott unterwegs.

Stehen die Ruderausschläge auf der straffen Seite, lässt der Pilot den Motor seinen vollen Punch entfalten, ist 3D in Reinkultur angesagt – Q.S. eben. Meine Gedanken schießen quer, jetzt kommt er richtig gallig daher, liegt sofort voll quer.

Bereits hier bin ich an einem Punkt angelangt, der mich dünkt, ich hätte die Zukunft mit diesem Modell schon hinter mir. Denn bei zu schnellem Gasgeben droht obendrein infernalische Beschleunigungsgefahr, Motor und Luftschraube sind eine explosive Mischung und der Ventique mit den großen Ausschlägen ein wahres 3D-Monster.

Doch diese Art des Fliegens ist nicht unbedingt mein Ding, also flugs wieder in den gemäßigten Modus geschaltet, um zu überprüfen, wie die SFG im langsamen Messerflug wirken. Donnerwetter, fast kein Seitenruderausschlag nötig, und das bei konventioneller Ruderblattform. Da staunt der Fachmann, und der Laie wundert sich.

Sollten diese übertrieben neu geformten Seitenruderblätter, wie sie neuerdings an vielen anderen Modellen Dienst tun, gar nicht nötig sein? Hier braucht sie kein Mensch. Was der Mensch aber braucht, sind zahme Langsamflugeigenschaften.

Erster Anflug Richtung Piste. Eigentlich nur zur Probe, da aber alles prima passt und der 3Dler wie ein Trainer einschwebt, geht die erste Landung wie von selbst. Nur gut, dass drei Akkus parat liegen und der Wechsel Dank großem Rumpfdeckel und Haubenver schluß in Sekunden erledigt ist.

Fazit zum Ventique

Lindinger ist mit dem Ventique aus der neuen Premier Aircraft-Linie verdammt nah am perfekten ARFler dran.

Die zu kurzen Gestänge seien verziehen, die deutsche Bauanleitung ist mustergültig und die Qualität des Baukastens an sich tadellos. Hinzu addiert sich Carbon-Zierrat in Gestalt des Fahrwerks.

So entsteht aus einem formidablen Bausatz in Windeseile ein äußerst formidables Modell, dessen Grenzbereich wohl nur Profis ausloten können. Die Herren aus den Vereinigten Staaten haben ganze Arbeit geleistet.

Der optische Auftritt ist sehnig und schlank, mitreißende Flugeigenschaften und messerscharfes Handling liegen auf höchstem Niveau. Und Lindinger ist mit dem Exklusivvertrieb ein genialer Coup gelungen, denn hier gibt`s den Somenzini-Spirit zum bezahlbaren Preis.

Ausgabe: 
Artikel aus FlugModell Ausgabe 04/2015. Jetzt abonnieren!
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